Buddy-Tag: Wir kaufen eine Heizdecke V2

21.07.2025

Niemand mag Montage und meiner beginnt heute noch dazu mit Regen. Der ist so laut, dass ich gegen sechs Uhr das erste Mal wach werde. Noch liege ich erschöpft von einem grandiosen Wochenende in der Uckermark. Nach notwendigen Aufräumarbeiten, Rucksack packen und einem Sprung in den See befinde ich mich um kurz vor halb eins auf dem Weg Richtung Hauptstadt. Wohin es dann geht, weiß ich nicht. Der beste Zugführer der Welt (wiederkehrende Leser:innen dieses Blogs wissen, dass es sich dabei nur um Arian handeln kann) hat zu einem Buddytag geladen. Genau genommen sind es knapp 60h die vor uns liegen. Ich weiß weder wohin es geht noch wie. Nun ja, ich ahne, dass wir uns auf Schienen bewegen.

Als ich dem bärtigen Bahnfreund am Bahnsteig entgegenlaufe, bin ich zwar müde, aber auch aufgeregt. Auf der Rolltreppe von den unteren Gleisen nach oben, verrät er mir nur, dass wir eine entspannte Reise vor uns haben. Kaffeefahrt verbunden mit dem Kauf einer Heizdecke – ich bin auf vieles vorbereitet, nicht auf Heizdecken. Nun gut, es geht weiter zum Gleis 14 und ich vermeide den Blick auf die Anzeigetafeln. Eine Überraschung ist um so lustiger, wenn nicht gespoilert wird. Ein ICE fährt ein, unfreiwillig erhasche ich einen Blick auf „KÖLN HBF“ und beschwere mich sogleich: »Da war ich doch letztens erst!«. Es hilft nichts, wir steigen ein und finden die zwei für uns reservierte Plätze. „Berlin – Dortmund“ steht auf der LCD-Anzeige. Mist, doch ein Spoiler.

Wir erreichen Dortmund-Hauptbahnhof mit einer gewissen Verspätung. Zugpferd und Reiseleiter Arian „Buddy“ lotst mich zielstrebig zur S-Bahn. Mit dem grünen Zug geht es zur Station Universität. Aus den dortigen Katakomben steigen wir mit Treppe und Aufzug nach oben und als ich mich noch frage, was für einen Aussichtsturm wir hier erklimmen, erkenne ich die Schiene. Eine einzelne Schiene und sie ist nicht am Boden, sondern in der Luft …

Seit 1984 schwebt hier die Zukunft hängend über Stadt und vor allem unebene Landschaft hinweg. Vollautomatisch und nahezu lautlos verbindet die Hängebahn das Technologiezentrum, zwei Standorte der TU Dortmund und den S-Bahnhof. Ursprünglich war das System nicht als Pendelverkehr, sondern mit einer Zielwahleinrichtung ausgestattet. Das gibt es heute nur noch eingeschränkt außerhalb der Stoßzeiten. Inzwischen fahren die Kabinen nach Fahrplan auf der rund dreieinhalb Kilometer langen Trasse im normalen Pendelverkehr. Besonders beeindruckend: Sie teilen sich teilweise eine Schiene, nur an den Bahnhöfen können sich die Kabinen ausweichen. Kommt eine an, fährt die andere ab.

Die Kabinen sind nicht groß, bieten Sitzplätze für 16 Personen und fallen heute optisch etwas aus der Zeit. Der fehlende Platz für einen Menschen am Steuer ermöglicht mehr Ausblick und den nutzen wir. Die Beschleunigung auf bis zu 50 km/h fühlt sich stellenweise an wie Achterbahn fahren. Ich liebe alles daran.

Die H-Bahn wird zentral gesteuert und ist ein Pionierprojekt in der Verkehrstechnologie. Sie speist Bremsenergie ins Stromnetz zurück, benötigt wenig Platz für ihren Träger und könnte dank ihrer Bauweise flexibel an neue Anforderungen angepasst werden. Zuletzt wurde sie 1993 um 900 Meter verlängert und um Haltepunkte wie Eichlinghofen ergänzt wurde. Seitdem blieb die Streckenführung weitgehend unverändert, und es wurden keine größeren Neubauabschnitte realisiert. Nun steht die H-Bahn vor ihrer ersten großen Erweiterung seit den 1990er Jahren. Der Bau des neuen Streckenasts zur U42 ist politisch und finanziell gesichert und wird in den nächsten Jahren voraussichtlich umgesetzt.

Unser kleiner Ausflug hat mich überrascht und erfreut. Nach Wuppertal habe ich es nämlich leider noch nie geschafft, aber oft Rainald Grebe im Kopf:

Wuppertal hat die Schwebebahn-bahn
Hamburg hat den Wind und den Ozean
Wir haben die Citytoilette
und im Plattenbau Kaisers Lebensmittelkette
Unser Blick ist ein bisschen trübe
Zuviel Beton, zu wenig Liebe

Rainald Grebe – „Miriam“
vom Album „Das Abschiedskonzert“

Also ein erstes Mal Schwebebahn für mich und das auch noch an einem Geschichtsträchtigen Tag:

Heute vor 75 Jahren fiel der Elefant Tuffi aus der Wuppertaler Schwebebahn und wurde dabei nur minimal verletzt. Seitdem gab es keinen weiteren Zwischenfall mit Elefantenbeteiligung. Statistisch ist die Schwebebahn damit für diese Tiere eines der sichersten Verkehrsmittel der Welt.

Peter Breuer (@peterbreuer.bsky.social) 2025-07-21T07:41:26.945Z

Wir fahren so schnell, wie wir gekommen sind, wieder zurück mit der S-Bahn. Schnell eine Treppe runter und eine andere Treppe rauf. Leider sehen wir die Bahn, die wir hätten nehmen wollen (ich weiß weiterhin nicht wohin) nur noch von hinten. Zeit für eine Verschnaufpause am Bahnhof, samt kleinem Snack. Weil wir später als geplant wo-auch-immer ankommen, bekomme ich eine Speisekarte gezeigt und soll mir etwas aussuchen. Das würde dann schonmal bereitgestellt, bevor die Küche in den Feierabend geht. Ich weiß nun am Bahnsteig wenigstens, dass wir in den RE 57 nach Bigge steigen. »Bigge sehen und sterben«, murmelt der Reiseführer in seinen Bart und mir wird mulmig zumute.

Das Einzige, was ich dir verraten kann: Wenn du wieder erwarten Spaß hast, machen wir das im nächsten Jahr um die gleiche Zeit mit vertauschten Rollen nochmal.

Arian zu einem ahnungslosen Lorenz

Wir fahren und fahren. Die Landschaft ist schön und erst ein Schild macht mir klar, dass wir uns im Sauerland befinden. So also sieht die Heimat unseres Bundeskanzlers aus. [Lesenswertes Portrait: Sie nannten ihn Fotzen-Fritz]. Noch bevor wir Bigge erreichen, sagt Arian »Ach, das dauert mir zu lange«, nimmt seinen Koffer und stellt sich an die Zugtüre. Was, wie, wo? Ich hechte hinterher und plötzlich stehen wir Bestwig. Die paar Menschen, die mit uns die Regionalbahn verlassen haben, sind schnell verschwunden und wir bleiben zurück. »Hier? Wir?« frage ich Arian. »Was nun?«. Nun ja, erst einmal was essen. Ein Schild weist uns den Weg zum Gasthof. Dort vergnügen wir uns mit großem Salat oder Schnitzel und trinken Warsteiner Bier. Das kommt von hier und so schmeckt es auch. Die Kegelbahn hat leider bereits geschlossen.

Ich freue mich schon morgen früh in diesem Gastraum zu frühstücken, werde aber enttäuscht. Unser Ziel ist noch nicht erreicht, wir schlafen bei den Klosterschwestern und haben noch einen Aufstieg vor uns. Das Kloster ist dankenswerterweise nicht auf Wolken, sondern gefühlt nur etwa 50 Höhenmeter über Gasthof Hensbach. Auch das schaffen wir noch und sinken wenig später in die himmlischen Himmelbetten des Bergkloster Bestwig, das von den Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel betrieben wird. 
Ein Schild auf dem Weg hat mir Möglichkeiten aufgetan, wohin es morgen gehen könnte, wissen tue ich es noch immer nicht.

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