»Same procedure as yesterday, my Buddy«, sagte er Abends und so klingelt der Wecker wieder um 07:30 Uhr. »Ich kann Urlaub am Strand nichts abgewinnen«, sagte er sechs Stunden später. Nein, Urlaub ist das wahrlich nicht, aber zurück zum Wecker. Wir duschen, packen, frühstücken ein letztes Mal mit den Nonnen und gehen den exakt gleichen Weg wie gestern zurück zum Bahnhof. Erneut steigen wir in den Bus gen Wasserfall. Heute habe ich beschlossen, gar nicht mehr darüber nachzudenken, was der bärtige Bahnfreund noch geplant haben könnte. Ich lese entspannt im Bus und schaue gar nicht aus dem Fenster, bevor wir aussteigen. Doch, einmal kurz: Eine Weihnachtsbaumplantage. Die kommen zum Großteil nämlich von hier. Wir steigen aus, der Bus fährt weiter und ich erblicke:

Wie toll! Ich bin erfreut, dachte ich mir gestern im Vorbeifahren doch schon, dass sich ein Besuch hier sicher lohnen würde. Nun also schneller als gedacht. Da die Führung erst um zehn Uhr beginnt, wir es aber gerade mal 09:15 Uhr haben, ist noch Zeit genug sich vor dem Museum niederzulassen und zu entspannen. Bald darauf wandern wir durch die Ausstellungsräume, bestaunen Original Arschleder, Henkelmänner, Mineralien, Münzen und Bergwerkswerkzeug (Tolles Wort. Noch besser: Bergwerkswerkzeugtasche oder Berwerksfeuerwehrwerkzeugtaschenverschluss).








Um 10 Uhr eine Durchsage, dass gleich eingefahren wird und wir uns versammeln sollen. Ein in traditionell weißer Bergmannskluft gekleideter Mann verteilt weiße Helme. Er stellt sich als Bodo vor und nimmt uns und den Rest der Gruppe inklusive einer Horde Kinder mit zur Grubenbahn. Unsere Herzen schlagen direkt höher. Tag zwei und eine neue Liebe auf Schienen. Grubenbahnen sind immer besonders cute, ich saß allerdings noch nie in einer. Im Bergwerk steht seit Schließung am 31. Januar 1974 der Abbau still. Das Bergwerk wurde aber ratzfatz umgewandelt und ist seither ein Besuchermagnet. Wo sonst kommt Mensch mit der Bahn 1,5 Km unter die Erde in einen originalen Schacht vom Erzabbau? Nach kurzer Fahrt liegen über uns 300 Meter Berg und wir befinden uns unter dem Fort Fun. Dass wir heute nochmal hier, nur tiefer sind, hätten wir beide nicht geahnt. Der für Besucher im Rahmen einer Führung begehbare Teil ist kreisförmig. Es ginge noch deutlich tiefer, aber alles dort unten steht längst unter Wasser. Eine Pumpe sorgt dafür, dass der Pegel konstant bleibt.




Bodo erklärt uns, wie es für die Bergmänner weiter ging. Eine Schicht passte in den Fahrstuhl nach unten und wurde äußert schnell abgelassen. Kein freier Fall, aber nah dran. Kommunikation mit dem Steuermann nur über Signalzeichen möglich. Bodo demonstriert, wie es klingt. Zwischen den Schienen der Lorenbahn geht es weiter, tiefer in den Stollen. Es wird kälter und ist feucht. Der Berg ist spannend und ich bleibe des öfteren an den Gesteinsschichten hängen. Eine weitere Maschine ist zur Entleerung der Loren. Sie werden in einem Prozess um 180° gedreht und gleiten dann wieder, Schwerkraft sei dank, zurück zur Befüllung. Für die Erweiterung der Stollen steht eine Druckluftbohrmaschine bereit, mit der metertiefe Löcher gebohrt, mit Sprengstoff gefüllt und anschließend gesprengt werden konnten. Ohren zuhalten! 120 Dezibel im Leerlauf dröhnen durch den Berg und das ist nur einer von zwei Bohrköpfen, die sich noch nicht einmal in den Stein nagen. Vorbei an der heiligen Barbara erreichen wir das Förderband, mit dem abgebautes Gestein nach oben transportiert wurde. Das Bergwerk schloss, weil immer mehr davon notwendig wurde — obwohl die Ausbeute immer schon eher gering war. Währungsschwankungen senkten den Ertrag irgendwann, sodass kein wirtschaftlicher Betrieb mehr sinnvoll war. Inzwischen waren über 3,5 Millionen Menschen im Besucherbergwerk. Das lohnt sich hoffentlich mehr und bleibt noch lange erhalten.








Zurück an Deck unter der Sonne spazieren wir zum nächsten Bus. Im Sauerland ist ein Auto anscheinend so selbstverständlich wie ein Weihnachtsbaum aus der Region, aber schon nach zehn Minuten haben wir die richtige Bushaltestelle zurück erreicht. Es geht ins bekannte Bestwig. Dort ist nur wenig Zeit, aber genug für Kaffee und Backwaren bis wir am Gleis stehen. Gegenüber macht Lokführer Benny gerade Feierabend und wir verabschieden uns erneut enthusiastisch.



Der Zug bringt uns nicht allzu weit, wir steigen in Meschede wieder aus. Dort vermute ich bereits die nächste Überraschung, doch es ist nur eine weitere Sache mit U: Umstieg. Eine knappe halbe Stunde, die wir nutzen, um uns die von Benny gestrig empfohlene Frittenschmiede Ana’s Schlemmerstübchen anzusehen. Eine Portion Fritten mit Joppiesauce nehmen wir mit und spazieren zurück zum Bahnhof. Doch es wird kein Zug, Arian stoppt mich an der Bushaltestelle davor und weiter geht es auf Rädern. Erneut gebe ich auf und lasse alles mit mir geschehen. Dann:

Okay. Warstein. Ich habe bereits gelernt, dass die Plörre von hier kommt, hätte aber keinen Kasten Bier* darauf verwettet, dass mein Buddy zum äußersten der Unterhaltungskunst an einem Buddy-Tag greift. Noch hege ich die Hoffnung, dass er blufft und wir in den nächsten Bus steigen, uns Kultur im Haus Kupferhammer oder eine weitere Führung durch Höhlen geben. Dann setzt er sich in Bewegung, redet etwas von Radweg — wir sind offensichtlich ohne Räder unterwegs — und läuft samt Rollkoffer los. Ich folge. Zu Fuß, auf einem Radweg. Ist das legal?
Die Einschläge rücken näher. Ich werde willenlos. Bereite mich darauf vor herzloses Markenbier zu trinken und trotte Arians Rollkoffer nur noch hinterher. Was nun folgt bitte ich mit einer gekonnten Prise Ironie zu lesen. Ich möchte Konsument:innen von Warsteiner nicht verprellen, habe es in Ausnahmefällen selbst in Glas / Festivalbecher. Aber mal ehrlich, wer die Wahl hat trinkt das doch nicht freiwillig, oder?







Ein Parkplatz so groß wie ein Fußballfeld. Den braucht es auch, denn die Warsteiner Welt ist grottenschlecht nicht mit dem ÖPNV zu erreichen. Wir spazieren aus dem Ort Warstein noch mindestens zwanzig Minuten, bis wir den Eingang erreicht haben. Schon auf dem Parkplatz direkt vor dem Eingang zeigt sich, wer das Warsteiner Bier schätzt.

In den hopfigen Hallen angekommen, schauen wir uns die lange Geschichte der Plörre des Warsteiner Bieres an und vertreiben uns die Wartezeit mit Bier Warsteiner und Suppe. Um 15 Uhr Ortszeit treibt Daniëlle alle zur Führung erschienenen Menschen zusammen und bringt uns in ein eigens für die „Besucherbrauerei“ errichtetes Kino. Jetzt wird es spannend: 360° Multimedia-Theater, drehendes Podest und rundherum dekorative Brauartikel aus der Geschichte. Wir werden einem 25-minütigen Werbe Informationsfilm ausgesetzt, in dem Catharina Cramer, Leiterin der Brauerei in neunter Generation, mit Moderator Aljoscha und zwei sehr gecastet wirkenden Brauereimitarbeitenden die Geschichte von Brauerei und Bierproduktion erläutern.





Anschließend geht es in einen Autobus mit vier Abteilen und durch sämtliche Produktionshallen. Vom Brauerei eigenen Bahnhof (toll!) über Containerabfertigung, Leergutlager, Hopfenanlieferung, Kessel, Steuerzentrale, LKW-Halle und vielem mehr. Abseits vom schalen Geschmack des Bieres ist so eine große Produktion schon spannend. Allein der Transport, die Sortierung und die Spülung des Leerguts ist ein faszinierender Kreislauf. Wir werden vom Bildschirm im Bus informiert und schauen den Menschen, die ihrer Arbeit nachgehen wie Tieren im Zoo durch die Scheiben des Busses zu.





Nach Verlassen des Busses begrüßt uns Daniëlle erneut und hofft, dass es uns gefallen hat. Wenn nicht, könne sie das jetzt auch nicht ändern. Ich liebe die Ansage und sie setzt fort mit der Information, dass wir nun bis 18 Uhr so viel trinken können wie wir wollen.
Wollen wir? Wann fährt der Bus? Heute muss es zurück nach Hause gehen, morgen steht ein Arsch voll Arbeit an. Uns bleibt eine gute Dreiviertelstunde, bis wir zurücklaufen müssen. Also los: Bier, Radler, Bier, Aufbruch.

Nach einem Bus bis Lippstadt, einem Regio bis Hamm und dort geglückter ICE-Kopplung erreichen wir Berlin mit leichter Fahrzeitverlängerung und ich beende am Bahnhof Zoologischer Garten den gemeinsamen Buddy-Tag / Buddy-Ausflug. Das war schön. Das machen wir wieder. Wann? Keine Ahnung. Nun ist wirklich genug gereist. Vorerst zumindest.



- Damit ist beispielsweise Pilsner Urquell, Augustiner Hell, Spaten oder auch ein heimisches Schultheiß gemeint.