Kannst du, geneigte Leserin, dir etwas Schöneres vorstellen, als zwei Nächte in Folge auf Schienen zu verbringen? Ich auch nicht. Den ersten Abend verbringe ich nach Abfahrt um 20:11 Uhr vom Berliner Hauptbahnhof mit zwei angenehmen Menschen bei (Bahn)reisegeschichten und Rotwein im schönen Dreierabteil des ÖBB Nightjet. Die Reise beginnt und morgen früh wache ich in Wien auf. Der letzte Aufenthalt im Mai 2025 war nur kurz, diesmal wird es nicht mehr werden. Ich winke noch eben in Dresden den dortigen Menschen zu und kuschle mich nach Abfahrt aus dem Elbflorenz in die Kissen. Bis es zum Frühstück schellt, muss ich dringend einen Verdauungsschlaf hinter mich bringen.

Um kurz nach sieben steige ich in Wien aus und erblicke als Erstes einen ICE aus der Heimat: Er sieht geräderter aus, als ich es bin. Ich habe genügend geschlafen, bin aber doch recht plötzlich aus dem Abteil gestolpert. Während ich mich beim Zugpersonal für die angenehme Fahrt bedanke, zupfe ich meine Jacke zurecht, dann stapfe ich Richtung Rolltreppe. Plötzlich wird mir gewahr, dass da, wo meine Brusttasche sein sollte, zwar Brust, aber keine Tasche ist. Ich stutze, habe ich sie doch eben noch mit Dingen gefüllt. Während meiner Schrecksekunden rollt der Nightjet los und ich ahne Böses. Mein Portemonnaie ist in dieser Jahreszeit glücklicherweise immer in der Jacke verwahrt, und die vergesse ich bei Außentemperaturen um den Gefrierpunkt nie. Die Brusttasche liegt noch im Zug. Es folgen eine Online-Verlustmeldung und ein Besuch im Fundbüro. Elisabeth von der ÖBB empfiehlt, direkt beim Newrestbüro zu fragen, bei ihr kommen Fundsachen gesammelt und erst nach einigen Tagen an. Guter Tipp!


Nerdfakten: Natürlich sind alle relevanten Gegenstände von mir mit AirTags ausgestattet, die vor Verlust schützen und bei Verlust ein Wiederfinden erleichtern sollen. Auch die Brusttasche hat einen, ich hatte mich wohl aber zu wenig vom Abteil entfernt. Der. Hinweis „Objekt zurückgelassen“ kam zu spät. Im Folgenden konnte ich den Weg der Tasche aber stellenweise nachvollziehen. Ein AirTag oder Ähnliches ist auf Reisen schon sinnvoll.
Bei Newrest (ÖBB Nighjet is serviced by Newrest) bekomme ich schnelle Hilfe und hinterlasse meine Kontaktdaten. Also abwarten.

Um neun sitze ich in der Lobby des Hotels, in dem Freund J. nächtigt. Er ist beruflich ehrenamtlich in der Stadt und wir reisen ab heute gemeinsam weiter. Grund genug, ihn zu überraschen. Ich positioniere mich vor den Aufzügen und starre, sobald die Tür sich öffnet, mit weit aufgerissenen Augen hinein. Nach ungefähr neun Versuchen und verstört drein blickenden, mir unbekannten Menschen steht auch tatsächlich J. drin und freut sich mit seinen unterkoffinierten Möglichkeiten, mich zu sehen. Eine Kollegin aus dem Filmrauschpalast stößt ebenfalls dazu, als wir beim Frühstück sitzen. Die beiden haben noch Tagesprogramm und wir verabreden uns für den Abend wieder.
Um 10:45 Uhr kommt der erlösende Anruf: Objekt gefunden. Meine Tasche ist bis Graz weitergefahren und wird heute noch zurücktransportiert. Ich kann sie am späten Nachmittag am Hauptbahnhof in Empfang nehmen. Endlich Zeit für etwas Bewegung und andere Gedanken. Es ist das erste Mal, dass ich etwas Relevantes habe liegen lassen, und das beschäftigt mich mehr als gedacht.
Ich spaziere durch den Belvedere Schlossgarten und schaue den festgefrorenen Enten beim Baden zu. Trotz Kälte sind viele Menschen unterwegs und manche trocknen sich sogar Parkbänke zum Verweilen ab.

Im Salmbrauhaus lege ich eine Pause ein, um mich aufzuwärmen und das hauseigene Bier zu verkosten. Fünf Probierbiere zu je 0,1 l lassen endlich Urlaubsstimmung aufkommen. Noch besser: Ich sitze direkt neben den hauseigenen Kesseln und der Braumeister wird tätig. Meine Fragen beantwortet er gern und ich genieße seine Braukunst umso mehr.
Weiter geht es durch ein kaltes, nasses Wien. Meine ursprünglichen Pläne gehen nicht mehr wirklich auf, also schmiede ich neue. Bis 19 Uhr habe ich Zeit, dann bin ich zum Essen verabredet. Reisen ohne Ortwin führt dazu, dass ich mich selbst verpflegen muss. Ungewohnt, aber nicht unmöglich.






Ich stapfe erst einmal weiter, ziellos und offen für alles. Als ich das Restaurant Meissl & Schadn erblicke, erinnere ich mich, dort einst von Ortwin gemästet verpflegt worden zu sein. Wenn ich einen Platz bekomme, fließt Ortwin sicher das Wasser im Munde zusammen, also hinein. Zum Nachtisch gibt es eine ganz vorzügliche Salzburger Nockerln.
Nach dem Essen meldet meine Tasche wieder eine Position und ich kann errechnen, dass sie bald in Wien eintreffen dürfte. Also spaziere ich auf anderem Wege zurück. Kurzum: Tasche und ich werden wiedervereinigt. Ich bedanke mich bei allen Beteiligten mit einem Trinkgeld und spaziere erneut zurück in die Stadt. Nun habe ich wieder Kopfhörer und kann meinen Ohruwum befriedigen: Voodoo Jürgens mit Heite grob ma Tote aus.


Ich steuere das Filmarchiv Austria an. Auch wenn ich zeitlich keinen Film schaffe, lockt mich die Ausstellung zur Retrospektive First Action Heroes – Blockbuster der Stummfilmzeit. Zahlreiche Filmplakate, Artikel und Ausschnitte aus alten Produktionen zeigen Stunts, wie sie heute nur digital oder mit viel Sicherung gedreht würden. Das Filmarchiv zeigt in der Retrospektive vieles auch von analogen Kopien. Beim nächsten Besuch muss ich mehr Zeit mitbringen. Wien ist schon allein für seine Kinos einen Besuch wert und in den Prater muss ich auch nochmal, der Wiener Looping ist noch immer auf meiner Liste.







Zu dritt speisen wir später noch im Alten Fassl, bevor wir in unterschiedliche Nachtzüge steigen. Unsere Kollegin rollt zurück nach Berlin, J. und ich fahren etwas später mit dem ÖBB Nightjet Richtung Vorarlberg. Wir haben jeder eine MiniCabin, eine angenehme Art, Reise und Schlaf zu verbinden. Wer Gepäck hat, sollte besser eine der unteren Kabinen nehmen, dort gibt es unter der Liegefläche zusätzlichen Stauraum. Aber auch wir kommen klar und schlafen nicht schlecht.


Zum Frühstück klappt Mensch einfach das Tischchen in der Minicabin aus und schon können die zwei Kaisersemmeln im Sitzen bestrichen und verzehrt werden. Die Ansage „Verspätung wegen Baustelle in Deutschland“ ist wieder einmal typisch. Immer schieben diese hochnäsigen Österreicher es auf die armen, eingleisigen Entwicklungsländer. Ein Umstieg in Feldkirch und kurz darauf sind wir in Schruns.




Angekommen in Schruns folgen wir den Anweisungen von L., die uns zielsicher zu ihrer Arbeitsunterkunft führen. Für uns ist es Urlaub, L. arbeitet hier im Saisonbetrieb als Maschinistin in der Lifttechnik. Nach viel Hallo, einer Brotzeit, einem Einkauf und einem Mittagsschlaf machen wir uns, warm eingepackt, auf den Weg zum Nachtrodeln. Ein großer Spaß auf Kufen. Wir schaffen es dreimal, den Berg hinauf und hinunter, bis uns Kälte und Hunger den Rückweg antreten lassen. Rekordzeit: ~12 Minuten für eine Abfahrt.


Am nächsten Morgen verlässt uns L. bereits in aller Frühe. J. und ich machen uns später auf den Weg und gondeln erst mit der Grasjochbahn zur Hälfte des Berges. Dort empfängt uns L., schiebt uns aber des Wetters wegen direkt in eine weitere Gondel. Die Hochalpila Bahn bringt uns zur Bergstation und wir sind die einzigen Menschen ohne Ski an den Füßen. Warum sollten wir auch runter? Wir haben gerade noch gutes Wetter abgepasst und genießen die Aussicht in alle Richtungen. Es ist kalt, doch die Sonne wärmt uns den Pelz die Funktionsjacken.







Als das Vesper verspeist ist und wir uns trotz allem sattsehen hungrig fühlen, fahren wir zurück. L. begrüßt uns erneut freudig, übergibt die Aufsicht ihrer Kollegin und wir begleiten sie in die Grasjochhütte. Bei Suppe, Wurst, Salat und Germknödel fragen wir sie weiter zum Liftbetrieb aus. Schmatzend antwortet sie und ich schlürfe meinen Almdudler. Als ihre Pause durch ist, machen J. und ich eine Schneewanderung auf dem einzigen für Menschen ohne Ski oder Snowboard präparierten Weg. Wir begegnen wenigen Gleichgesinnten und kommen ob der Höhe aus der Puste. Doch wir schaffen es und nach weiterer Aussicht unter dem Gipfelkreuz, welches gar nicht ganz oben ist, folgt der Höhepunkt des Tages: eine Liftführung.

Unsere Lieblingsmaschinistin nimmt sich Zeit, uns ausführlich ihren Arbeitsplatz zu erklären. Wir bekommen die Zusammenhänge der Sicherheitsmechanismen erklärt, sehen, wo die Gondeln ausgehakt werden, spüren die Vibration des Liftrades und dürfen sogar anschauen, wo die Gondeln Trauer tragen schlafen. Als wir dann auch noch ein paar echte Pistenbullys (auch bekannt als Pistenraupe Nimmersatt) streicheln dürfen, ist der Tag nicht mehr zu toppen.



Wer nur ein wenig in die Komplexität einer Seilbahn einsteigen möchte, sollte sich die Maus zum Thema „Wie verknotet man ein Seil?” ins Auge stecken. Herzlichen Dank an L. für die tolle Erklärbärführung.
Zurück auf festem Boden im Tal wechseln wir in die Küche der Unterkunft in Schruns. Für den Abend steht ein gemeinsames Essen mit L. und ihren Mitbewohnerinnen an. Es wird Gulasch geschlemmt, und als auch der letzte Bissen handgemachter Kaiserschmarrn (danke an alle und den Schneebesen fürs Eiweißschlagen) verdrückt ist, gehen wir glücklich ins Bett. Morgen geht die Reise schon weiter.
