Abschiede sind nicht schön, um kurz nach sechs Uhr morgens werden sie nicht besser. Doch L. muss Lift und wir Zug fahren, folglich stehen wir gemeinsam auf und verabschieden uns schweren Herzens von unserer Lieblingsliftmechanikern. Als alles wieder in Rucksack und Koffer gepackt und die Mägen mit etwas Inhalt gefüllt sind, gehen wir zum Bahnhof Schruns.




Die S-Bahn bringt uns weiter nach Bludenz. Dort dampft es aus den Gullys wie in New York, es riecht auch entsprechend nach Abwasser. Der Anschlusszug hat 30 Minuten Verspätung, wir aber auch zwei Stunden Puffer in Zürich, alles soweit gut, nur der Zug will es nicht wahr haben:
„Unsere Bildschirme zeigen leider nicht die korrekte Ankunftszeit in Zürich an“
Zugführerin im Railjet

Ich nutze die Zeit im Zug für einen Speisewagenspaziergang und erwerbe ein Sandwich und Salat mit Kürbiskernöl. Guten Appetit und vor allem gute Aussicht. Vor dem Übergang in die Schweiz schaltet sich J. offline. Mein Mobilfunkanbieter erlaubt hingegen kostenfreies Datenroaming, nur Anrufe und angerufen werden kosten absurdes Geld. Aber wer möchte das im Urlaub schon? Unsere Pässe werden auch nicht kontrolliert, obwohl wir aus der EU einreisen. Die spinnen, die Schweizer.
Zürich
Die etwa neunzig Minuten Aufenthalt in Zürich nutzen wir für einen Spaziergang. Dabei vergleichen wir die Preise und sind erstaunt, wie günstig der Quadratmeter des Berliner Mietmarkts im Vergleich zu einem Schweizer Döner Kebab wirkt. Wieder am Bahnhof angekommen, beobachten wir Gleisbauarbeiten. Erneuerung von Schienen, tagsüber und mit einer Armada an Bauarbeitern – die spinnen, die Schweizer. Außerdem gibt es ein riesiges Parkhaus für Fahrräder. Unterirdisch. Sagte ich bereits, dass die Schweizer spinnen?







EuroCity 21

Unser Abfahrtsgleis nach Mailand liegt direkt an der Straße. Hier lässt sich wortwörtlich aus dem Auto in den Zug springen. Da der Zug auf dem Weg getrennt wird, müssen wir einmal die gesamte Länge abschreiten, um zu unseren Plätzen zu gelangen. Dann beginnt eine Reise mit fantastischer Aussicht und erstaunten Steckdosen. Aus dem Zug heraus können wir Berge, Seen, Schiffe und Schnee schauen. Dann wird uns beiden leider schwarz vor Augen. Schuld ist der Gotthardtunnel. Wir packen die Gelegenheit beim Schopfe und suchen den Speisewagen. Es gibt Bier und Käsefondue mit Kartoffeln für J. Für mich Bier, Gemüsetartar und Zitronenkuchen.







Mailand — InterCity Notte 1963
Mailand ist voller Werbung für die in wenigen Tagen startenden Olympischen Werbespiele Winterspiele. Drei Stunden Zeit müssen überbrückt werden. Wir gehen etwas spazieren, dann wird es Zeit für Campari Spritz und Oliven. Den Rückweg zum Zug verbinden wir mit einem Einkauf, denn die Verpflegung an Bord ist unsicher. Zur Sicherheit holen wir am Bahnhof noch ein Sandwich und eine Pizza, dann besteigen wir den InterCity Notte 1963.
21 Stunden Nachtzug
Ende Januar ist nicht gerade Hochsaison für eine Reise nach Sizilien. Genau deshalb sind wir auch jetzt auf dem Weg und nur deshalb gönnen wir uns jeweils eine private Kabine. Sie liegen nebeneinander und sind durch eine Zwischentür verbunden. Ankommen, ausbreiten, Fahrkartenkontrolle und gute Nacht. Ich bin nach einem Tag auf Achse durch.






Gegen fünf Uhr erwache ich und lege eine kleine Snackpause ein. Im Privatabteil lässt es sich rascheln, knuspern und krümeln, so viel ich möchte. Dann falle ich wieder in einen wunderbaren Schlaf, denn die italienischen Schienen schaukeln sanft. Ich träume wilde, aber schöne Dinge und werde plötzlich durch ein rüdes Klopfen aus selbigen gerissen.
Der Schaffner serviert Frühstück, welch Freude. Es ist 9 Uhr, wow. Kaum haben wir das Tablet leer gegessen, wird uns die Karte der Minibar gereicht. J. steht in der Tür und sagt: „Wir hätten uns gar nicht mit Essen eindecken müssen. Na ja, wissen wir fürs nächste Mal.“ Womit besiegelt wäre, dass es ein nächstes Mal gibt. Ich möchte erneut nach Syrakus und der nette Deutsche im Abteil neben mir wirft ein: „Dann auch gleich von Palermo weiter nach Tunesien.“ Na also, Reiseplanung auf der Reise. Wann geht’s los? Erst einmal geht es noch ein paar Stunden weiter auf dem Festland.
Fähre
Gegen 11 Uhr erreichen wir den Hafen und werden auf die Fähre geschoben. Punkt 11:30 Uhr verlassen wir nach über fünfzehn Stunden den Zug. Die Fähre wird weiter beladen, wir nach oben gescheucht. An der Bar wird bereits eifrig bestellt und auch ich ordere den ersten Urlaubsespresso. Sonst verschmähe ich Kaffee, aber hier in Italien ist der Espresso cremig, fruchtig und mit ein bisschen Zucker auch für meinen Gaumen schmackhaft. Arian kommentiert: „In 3 Jahren lässt du den Zucker weg, in 5 fängst du an, es zu genießen.“ Vielleicht probiere ich das mit dem Zuckerverzicht sogar schon die Tage mal. Wir lassen uns an Deck alle übrige Reisemüdigkeit wegpusten, während wir dem Festland winken und die Insel uns begrüßt. Dann wieder rasch in die Kabinen. Nach dem Anlegen wird rangiert und wir haben keine Warnwesten eingepackt.



Palermo
Der Zug leert sich immer weiter, die wenigsten fahren bis zur Endhaltestelle. Wir sind nur deshalb an Bord. Neunzig Minuten vor Ankunft in Palermo packe ich alles zusammen, sage J., ich würde noch ein Schläfchen machen, und lege mich aufs Bett. Eine Stunde vor geplanter Ankunft werde ich mit den Worten „Ich glaube, wir sind schon da“ geweckt. Frechheit. Ich habe für rund 21 h Zugfahrt bezahlt, jetzt leiden wir an Verfrühung. Fluchend steigen wir aus, sind allerdings auch fast die einzigen. Da wird mir gewahr, dass wir natürlich durch weniger Gewicht auch schneller waren. So erklärt sich das.



Einordnung
Wir haben zwar nicht die größte Distanz in einem Nachtzug hinter uns gebracht, aber durch die Fährfahrt die zeitlich längste Fahrt in Europa abgehakt. An den Polarkreis wird es mich auch noch verschlagen, und auch wenn ich sowohl in Paris, und Wien, und Brüssel als auch in Prag war, sind die Direktverbindungen Grund genug, sie irgendwann einmal zu nutzen.
| Verbindung | Ungefähre Distanz | ~ Dauer |
|---|---|---|
| Stockholm – Narvik | ~1.540 km | 18:30 – 19:30 h |
| Mailand – Palermo ✅️ | ~1.500 km | 20:30 – 21:00 h |
| Paris – Wien | ~1.400 km | 14:30 h |
| Brüssel – Prag | ~1.100 km | 15:30 h |
| Berlin – Stockholm ✅️ | ~1.050 km | 15:30 – 19:00 |
Wie es weltweit aussieht? Nun, da haben wir auf dieser Strecke gerade einmal 20 % der Transsib-Distanz überwunden. Es bleibt also noch einiges offen. Hoffen wir, dass die alten weißen Männer alsbald in Rente gehen und in ihren Altenheimen Krieg und Macht spielen, statt Mensch und Planet wegen ihrer kleinen Genitalien Komplexe zu zerstören und meine Reisefreiheit einzuschränken.
| Verbindung | Ungefähre Distanz | ~ Dauer |
| Moskau – Wladiwostok (Transsib „Rossiya“) | ~9.289 km | 144–166 Std. (6–7 Tage) |
| Toronto – Vancouver (The Canadian) | ~4.466 km | 96 Std. (4 Tage) |
| Chicago – Los Angeles (Texas Eagle) | ~4.390 km | 65 Std. (2,5 Tage) |
| Kanyakumari – Dibrugarh (Vivek Express) | ~4.188 km | 75–80 Std. (3 Tage) |
| Peking – Lhasa (Tibet-Express Z21) | ~3.757 km | 40 Std. (1,5 Tage) |
| Mailand – Palermo (Intercity Notte) | ~1.500 km | 21 Std. |
| Stockholm – Narvik (SJ Night Train) | ~1.450 km | 19 Std. |
| Berlin – Stockholm (Snälltåget/SJ) | ~1.100 km | 15:30 – 19 Std. |
Offenlegung: Für die Erstellung der Tabellen habe ich mir von Googles KI Gemini helfen lassen. Fehler darüber hinaus sind menschlichen Ursprungs.

