Palermo Abend Tag 0
Nachdem wir unsere Unterkunft für die nächsten drei Nächte eingenommen und uns an die langweilige, gleichbleibende Aussicht aus dem Fenster gewöhnt haben, gehen wir noch einmal raus. Im Moltivolti finden wir Platz und vertreiben uns mit Campari Spritz die Zeit, bis die Küche ihre Arbeit aufnimmt. Nach leckeren Vorspeisen und zweimalem Tajine sind wir satt und rollen eine Verdauungsrunde um den Block.



Palermo Tag 1







Es braucht mehr als eine Nacht ohne Schienen unter dem Rücken, um anzukommen. Wir beginnen unsere Entdeckung von Palermo mit einem Gang über den fast vor der Haustür beginnenden Markt. Erst noch recht touristisch, kommen wir den ungekochten Lebensmitteln immer näher und ich sammle Artischocken, Aubergine, Zwiebel, Gurke und Kapern für ein Tatar ein. Nach einem Espresso steuern wir einen Fischhändler an. Er bietet uns die bereits bei den alten Römern beliebte Rotbarbe an, während er gekonnt einen Oktopus zerteilt. Ein paar Kleinigkeiten holen wir noch im Supermarkt, dann kommt alles in den Kühlschrank. Während J. sich kurz in die Waagerechte begibt, beende ich im Park unter Palmen meinen ersten Urlaubsroman. „Der Tote in der Hochzeitstorte“ ist der Abschluss einer Kinderkrimi-Buchserie, die, wie ich, inzwischen erwachsen geworden ist.












J. hat inzwischen beschlossen, ins Kloster zu gehen, und ich begrüße die Entscheidung. Ich bringe ihn hin und er zeigt mir die tolle Aussicht vom Dach. Nachdem wir die Gitter, hinter welchen sich die Nonnen verstecken mussten, gesehen haben, ist er sich plötzlich nicht mehr ganz so sicher. Er verwirft alle Pläne und wir ziehen weiter in Palermos botanischen Garten.















Nach einer Stärkung (Espresso) erkunden wir den Garten jeweils einzeln. Es gibt Zitrusfrüchte im Überfluss. Wenn sie nicht am Boden liegen, hängen sie an den Bäumen darüber oder kugeln über die Wege. Neben überdimensionalen Bäumen finden sich auch die von mir geliebten stacheligen Stauden in unterschiedlichsten Farben, Formen und Größen. Bis zum Gartenschluss verweilen wir in der grünen Oase, dann zieht es uns weiter ans Meer. Wir gehen natürlich nicht, ohne den Katzen tschüss zu sagen, auf Italienisch „Arrivemauzi“.



Der letzte Sturm hat der Promenade zugesetzt, doch wir finden einen Weg und genießen die Brise. J. steuert uns zu einem Laden mit klassischem Fast-Food und ich bestelle, nichts ahnend, den Klassiker: Pani ca‘ meusa. Erst anschließend lerne ich, was das ist. Der Klassiker des sizilianischen Fast-Foods besteht aus gekochter und anschließend gebratener Kalbsmilz und -lunge, die mit viel Olivenöl in einem Brötchen serviert wird. Ich probiere, schaffe es nur zur Hälfte und spüle mit Sicilian Spritz runter. Ist nicht meins. Auf geht’s in die Unterkunft – ich will schließlich noch kochen.







Während J. sich unserer schmutzigen Wäsche annimmt und sie in den Waschsalon trägt, würfle ich das Gemüse und würze die Fische. Das Auberginentatar ist seit meiner Tunesienreise eine Spezialität geworden, die ich immer weiter verfeinere. Die Artischocken köcheln und der Fisch wird mit der klassischen, riesig großen sizilianischen Zitrone angebraten. Es mundet nicht nur mir, auch J.s unabhängige Zunge ist zufrieden.



Palermo Tag 2
Nachdem ich die Vorhänge geöffnet und die Toilettenspülung betätigt habe und der Herr im Bett eine Ebene über mir noch immer nicht wach ist, überlege ich, mit welchem Lied ich ihn am besten wecken könnte. Ich schwanke zwischen „Das Wandern ist des J. Lust“ und dem Allzeitklassiker „Guten Morgen Sonnenschein“ von Nana Mouskouri. Testweise beschließe ich, beide Lieder kurz selbst anzusingen, um auch meine Stimme in Gang zu bekommen. Es ist immerhin neun Uhr, wir müssen in einer Stunde unseren Aufstieg per Bus beginnen. Gedacht, gesungen: Irritiert, aber wach, startet auch J. in den Tag. Er hat für heute eine Wanderung vom Monte Pellegrino geplant und ich folge lediglich.




Im zweiten Bus des Tages offenbart sich eine fantastische Sicht über Palermo, den Hafen und das Meer. Die Straße ist eng und der Bus hupt vor jeder Kurve. Einige verrückte coole Leute kommen mit dem Rad von oben oder treten mühsam hinauf. Ich erfreue mich besonders an den unzähligen großen, grünen Kakteenohren, die überall stehen und dem Wind lauschen. Oben angekommen frühstücken wir Arancino, Espresso und Orangensaft. Die netten Menschen hinter der Theke begrüßen uns mit einem freudigen Dzień dobry – als wir die polnische Herkunft verneinen, probieren sie es auf Deutsch. Letztlich bekommen wir in drei Sprachen Tipps für gute Aussichten auf dem Weg nach unten. Es ist ein schöner Weg, der anfangs noch der Straße folgt, und später durch den Wald und durch wogende Felder führt. Erst unten begegnet uns ein Warnschild, auf dem der Weg als gesperrt bezeichnet wird. Welch ein Glück, kamen wir von oben. Wir kühlen unsere Füße im Meer, schauen uns den Horizont, den Himmel und herumliegende Menschen an. Dann geht es weiter zum Nachmittagsprogramm.




Um unseren Hunger zu stillen, besuchen wir eine geheime Hauptattraktion des mondänen Vororts Modello: Den hiesigen Großsupermarkt! Wir bewegen uns getrennter Wege durch die Regalreihen und begutachten das italienische Sortiment. J. kauft sich Antipasti und Käse, ich ein Billigsandwich weil ohne Milch, dazu ein Bier. Typisch italienisch nehmen wir die Mahlzeit im dafür vorgesehen Bereich mitten im Supermarkt ein. Wir fühlen uns angekommen.
Auf den bisherigen Wegen durch Palermo fielen mir Zirkusplakate auf. Etwas außerhalb, just dort, wohin uns die Wanderung führte, gastiert der Madagascar Circus. Da ich großer Fan von Artistik und generell der Menschen im Zirkus bin, wollte ich mir eine klassische italienische Vorstellung nicht entgehen lassen. Auf den Plakaten waren zwar zahlreiche Tiere abgedruckt, ich dachte, das würde schon gehen. Ich irrte.




Die Artistik im Madagascar ist teils preisgekrönt und beeindruckend. Seiltanz, Schleuderbrett, Schlangenfrau mit Pfeil und Bogen und eine tolle Illusionistin – sensationelle Leistungen. Dann kamen Pferde, Löwen, Kängurus, Kamele, Vogelstrauße, Zebras, Ponys, Gnus, ein Nielpferd, Elefant und zum Abschluss eine Giraffe. Es war absurd, es war nicht schön und es war unnötig. Die menschlichen Leistungen sind beeindruckender als alle Tiere zusammen, kommentiere ich im Nachgang im Internet. Ich hatte nicht erwartet, dass es sich hier um einen Wanderzoo handelt.

Wir steuern einen Bus an, stoppen am Supermarkt für ein paar Snacks und machen es uns im Nachhinein in der Unterkunft gemütlich. Wenn wir heute schon bei Abgründen waren, können wir auch weitermachen: Ulrich Seidls Rimini ist dafür ein guter Film und J. kennt ihn noch nicht.
Palermo Tag 3
Nach dem Auschecken aus der Unterkunft und einem starken Schauer laden wir unsere Taschen in einem schönen Hostel ab. Es gefällt uns so gut, dass wir für eine notwendig gewordene Nacht in Genua das Schwesterhotel buchen. Später mehr dazu. Ein weiterer Regenschauer bleibt aus, aber die Stimmung an der Hostelbar ist gut und wir bleiben noch, bis sich weniger dunkle Wolken zeigen. Das anschließende Mittagessen im veganen Restaurant ist bis auf die Pistaziennudeln und das für mich genießbare Tiramisu unspektakulär. Die Sonne zeigt sich und wir wandern schon wieder. Dieses Mal durch einen Park, dann auf der Suche nach klassisch italienischer MARVIS-Zahnpasta. Wir werden fündig, ich erwerbe noch weitere Mitbringsel und wir spazieren weiter. Das Goethe-Institut stellt sich uns in den Weg und ich rezitiere ihm etwas Faust. Um weitere Zeit rumzukriegen, schlage ich eine Rekordjagd vor. Der Rekord für die meisten Espressi an einem Tag liegt wohl bei 50–80. Ich schlage vor, den Rekord zu brechen, J. reagiert nicht. Ich bestelle ihm einen doppelten Espresso, stelle ihm seinen Computer vor die Nase und lasse ihn etwas arbeiten.










Mache mich auf den Weg, derweil die Kapuzinergruft der Stadt anzuschauen. Dort herrscht Kameraverbot und es wird gebeten, die Totenruhe zu akzeptieren und zu wahren. Nach 5 € Eintritt, Drehkreuz und einer Treppe nach unten befinde ich mich vor einem Gang, der links und rechts von Totenschädeln und Mumien umgeben ist. Nur langsam wage ich mich vor. Es sind kaum Menschen mit mir hier unten. Teils führt der Weg auf gläsernen Stegen, manchmal hallen meine Schritte über die Grabplatten am Boden. Manche Schädel stecken auf in Körperform geschnürten Leinensäcken, andere sind gekleidet und starren ins Nichts. Dazwischen immer wieder auch Skelettteile, die mit pergamentartiger Haut bespannt sind oder in offenen Särgen liegen. Teils wirkt es wie ein Gruselkabinett oder eine Geisterbahn, wenige Meter weiter lassen mich Kindersärge und winzige Skelette schwer schlucken. Auch wenn zuletzt 1881 hier unten bestattet wurde, ist das alles sehr nah. Ein Kopf scheint zu schreien, er könnte Vorbild für Edvard Munch gewesen sein. Ein anderer Kopf samt Körper im feinen Samt sieht aus wie der Fürst in NOSFERATU. Etwa 2000 Mumien stehen, liegen oder hängen hier. Nach etwa einer halben Stunde habe ich genügend gesehen und trete zurück ans Tageslicht.
Alles Vergängliche
J.W. von Goethe: Faust – Der Tragödie zweiter Teil
ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche,
Hier wird’s Ereignis;
Pünktlich zum Abendessen vereinen wir uns wieder und nudeln uns durch die Karte. Da sich unsere Fährfahrt in den vergangenen zwei Tagen zwei Mal nach hinten verschoben hat und wir nun erst ab 0:30 Uhr aufs Schiff kommen, hat J. ein Kino samt Film gefunden, in das wir noch gehen. „Marty Supreme“ von Josh Safdie mit Timothée Chalamet, Gwyneth Paltrow und Odessa A’zion in den Hauptrollen unterhält uns gut. Im italienischen Kino gibt es sogar noch eine Pause während des Films. Kurz vor Mitternacht laufen wir ein letztes Mal durch Palermo, sammeln unser Reisegepäck im Hostel ein und marschieren mangels Bürgersteig auf der Straße zur Fähre.
Fährfahrt nach Genua
Da das Schiff von Italien nach Italien fährt, fällt die Passkontrolle unspektakulär kurz aus. Wir kommen an Bord eines fast Menschenleeren Schiffs. Als wir unsere Kabine gefunden haben, gehe ich recht bald schlafen. J. schaut, dass bei der Beladung alles seine Ordnung hat.










Die Fährfahrt dauert insgesamt etwa 21 Stunden. Da wir erst nach 2 Uhr abgelegt haben, ist der Tag entsprechend entspannt und unspektakulär. Ich beschließe nach dem Aufwachen, dass ich vorerst nichts verpassen werde, wenn ich in der Kabine bleibe, und beginne, die Serie PLURIBUS zu schauen. Am Nachmittag erkunde ich das Schiff und schaue auf die Wellen. In der Ferne zieht Korsika vorbei, von den Bergen leuchtet Schnee. An Deck treffe ich J., der etwas flau ist. Ich versorge ihn mit Vomex und Kamillentee, wünsche ihm gute Besserung und gehe zurück in die Kabine, um meine Serie zu gucken.
Genua


Wir verlassen die Fähre gegen 23:30 Uhr. Vom Wasser in den Regen, es ist kein schönes Willkommen. Dank Innlandsfahrt sparen wir uns weitere Kontrollen und sind nach ein paar Minuten Fußweg und zwei Drehtüren aus dem Hafengelände heraus und auf dem Weg zum Bus. Ein paar Minuten harren wir mit anderen nassen Menschen an der Station, denn der Bus kommt. Check-In per Karte, drei Stationen, fünf Minuten zu Fuß und wir sind im Ostello Bello Genoa. Auf unserem Zweitbettzimmer angekommen, schälen wir uns aus den nassen Jacken und Hosen, machen uns frisch und nehmen in der Hotelbar noch ein Bier ein.








Genua ist trocken, als wir erwachen und uns um kurz nach elf auf den Weg zum Bahnhof begeben. Es ist noch etwas Zeit bis zur Abfahrt, also erkunden wir die Gegend rundherum. Am absurdesten ist ein Automat für militärische Dog-Tag-Ketten. Hier kann man sich für fünf Euro eine Plakette stanzen und dann weiter in den Krieg ziehen. Das tun wir nicht, sondern begeben uns zum Caféstand. Un espresso per favore!
Finale Ligure
Die Fahrt im Regionalzug ist nicht sonderlich spekatakulär. Die Sicht auf das Meer wäre fantastisch, das Fenster ist aber äußerst schmutzig und ständig rollen wir durch Tunnel. Tunnels? Tunnelle? ICH HABE AUSSERDEM KEIN NETZ UM DAS ZU GOOGLEN.



Wir erreichen den Bahnhof Finale Ligure Marina und spazieren entspannt zum örtlichen Supermarkt. Hier treffen wir eine gute Freundin deren Lebensmittelpunkt sich nach Ligurien entwickelt hat. Mit vollen Taschen und voller Wiedersehensfreude rollen wir aus dem kleinen Städtchen nach oben in die Berge um mit einer fantastischen Aussicht belohnt zu werden.
Die Folgenden Tage sind entspannt und mir noch mehr Aussicht verbunden. Wir wandern, genießen Wetter, Weitblick und Wein.
Gerade die Wanderung ist eine große Freude, wann sonst haben wir den Luxus mit einer ausgebildeten Bergwanderführerin zu gehen. Wer eine Tour buchen will — ich vermittle gern, einfach melden!
Morgens taucht das Meer aus den Nebelschwaden in der Ferne auf. Mittags läuft ein Pferd am Haus vorbei. Am Abend wird gekocht und die Katze gefüttert. Alles ist ganz wunderbar.












