Berlin – Dresden (über Umwege)

Umwege sind manchmal nervig, weil sie länger dauern. Der Umweg an sich bringt aber auch viel Gutes mit sich: Mensch sieht mehr, isst mehr, verbringt mehr Zeit in Zügen und kann mehr Menschen sehen als auf direktem Weg. Es begab sich also, dass feierlich ein Osterfest angekündigt und wie jedes Jahr auch in die Tat umgesetzt wurde. Mit allem drum und dran, sogar Ferien und Feiertage wurden eingeplant und angemeldet. Was für eine gute Gelegenheit für mich, mal wieder Freunde in Dresden zu besuchen und dem 18. Dresdner Dampfloktreffen beizuwohnen. Warum aber direkt nach Dresden fahren, wenn da auch noch ein Interrailpass herumliegt, der bis Mai eingelöst werden muss und nicht übertragbar ist? Also los!

Mittwoch, 1. April 2026
Berlin – Karlsruhe – Marseille

So fahre ich am 1. April, noch vor dem ersten Scherz, schlaftrunken zum Berliner Hauptbahnhof und besteige den erstbesten Zug nach Karlsruhe. Für eine realistische Umstiegszeit von mehr als 12 Minuten fährt der Zug leider bereits um kurz vor acht ab. Startschuss für die ersten sechs Stunden auf Schienen.

In Karlsruhe nutze ich die Wartezeit zur Adoption eines Kängurus. Dann kommt, etwa zwanzig Minuten verspätet, der TGV, der mich bis Marseille bringen wird. Der Zug ist voll, mein Interrailticket genügt hier nicht, ich habe eine zusätzliche Sitzplatzreservierung für knapp 30 € klicken müssen. Die sichert mir einen schönen Fensterplatz und die Fahrt ist durch ein unterhaltsames Kind am Tisch, mein Buch und die tolle Aussicht sehr kurzweilig. Rundherum alles sehr angenehm. Dreisprachige Ansagen, unter anderem „Bitte die Telefone auf Vibration stellen und im Gang telefonieren!“. Es ist so einfach, rücksichtsvoll zu sein, und die Menschen halten sich sogar daran. Das Kind teilt gern seine Spielsachen mit mir. So wechsle ich zwischen Lesen, rausgucken und Rennauto fahren. 

Mit knapp drei Minuten Verspätung stehe ich um 21:50 Uhr am Bahnhof Marseille St. Charles. Einen Bus später erreiche ich die Adresse von C., auf deren Couch ich heute Nacht schlafen darf. Couchsurfing wollte ich immer mal ausprobieren, diesmal passt es hervorragend. Ich werde nicht nur von der Gastgeberin C. begrüßt, sondern auch von einer noch weiter gereisten Berlinerin. C. ist Lehrerin und spricht Deutsch, wir haben einen schönen Abend und ich bekomme viele Tipps, was ich mir ansehen soll. Was für ein wunderbarer Beginn dieser Reise.

Donnerstag, 2. April 2026

Der erste Tag ist ein sehr unspektakulärer Start in den Urlaub: Ich spaziere ohne den Drang, etwas tun zu müssen, durch die Stadt und kaufe hier und da ein paar Dinge für den Kartoffelsalat, den ich meiner Gastgeberin am Abend zubereiten möchte. Mittags verpasse ich es, die Öffnungszeiten der Restaurantempfehlung eines Freundes rechtzeitig zu checken und lande dafür in einem tollen Café. Am Abend wird gekocht und erzählt. Der Kartoffelsalat schmeckt und wird von gegrillter Zucchini und zart gekochtem Lauch ergänzt.

Freitag, 3. April 2026

Auf dem kleinen Post-It meiner Gastgeberin sticht ein Punkt heraus: Die Wanderung zu den Calanques de Marseille. Da ich mich inzwischen zwar mental allmählich im Urlaub befinde, mein Körper aber durchaus noch um etwas Abwechslung von Zügen und Menschenmassen bittet, ist diese Aktivität für heute gesetzt. Ich erreiche mit zwei Bussen den Startpunkt und folge den Grüppchen Richtung Meer. Im Sommer soll es arg voll werden und auch manche Wege nur mit Voranmeldung nutzbar sein. Ich gelange nach einem gut gestalteten, massenkompatiblen Weg bis fast ans Meer. Bis zu den Knien ertrage ich das doch noch kalte Wasser. Für den Rückweg wähle ich einen anspruchsvolleren Weg, der über Leitern und glatte Felsen zu einer beeindruckenden Aussicht führt. 

Die Zeit arbeitet erneut gegen mich und obwohl ich mich beeile, komme ich am anvisierten Restaurant zu spät an: Die Küche ist schon zu. Zwei Flaschen Orangina später beginne ich die letzte Etappe und komme mit dem Bus zurück in die Stadt. Abends machen C. und ich uns auf den Weg ins Kino. Davor warten bereits Freund:innen. Ich erinnere mich nicht mehr an die Carte des Bises zur Begrüßung, aber blamiere mich kaum. Der Film I Swear / Plus fort que moi / Verflucht normal läuft im englischen Original mit französischen Untertiteln. Allein für das Vorprogramm liebe ich es, auf Reisen ins Kino zu gehen. Nach einem tollen Film verabschiede ich mich von der Gruppe, die noch weiter zieht, und falle erschöpft ins Bett. Knapp zehn Kilometer Wanderung haben mich müde gemacht und morgen geht die Reise schon weiter. 

Samstag, 04. April 2026
Marseille – Toulouse

Marseille scheint nahezu menschenleer, als ich mich am frühen Morgen auf den Weg mache. 15 Minuten vor der Zeit ist die Franzosen Pünktlichkeit, denke ich, während ich mich in die Schlange zum Gleis einreihe. Meine heutige Fahrt ist nicht Teil meiner vier Interrail-Reisetage. Ich habe sie gesondert erworben. Deshalb erhalte ich auch von der SNCF-App einen freundlichen Hinweis zu meiner Verbindung. 

Mein Fensterplatz bietet eine tolle Aussicht und die Zeit vergeht viel zu schnell. In Toulouse werde ich von A. abgeholt und das Osterwochenende verbringen wir mit netten Menschen. Einige davon kommen auch aus Deutschland und mit den anderen trainiere ich mein Französisch.
Die Stadt ist bei Licht und Dunkelheit schön. Hier und da erinnert der emporsteigende Duft nach Studentenurin an Berlin, doch es lässt sich schnell davor fliehen. Im Supermarkt findet sich sogar Club-Mate, hier lässt es sich aushalten.  Ganz famos ist die kleine Weinbar Nabuchodonosor. Nicht entgehen lasse ich mir die Seilbahn Téléo.

Seit Mai 2022 gibt es die urbane Seilbahn in Toulouse. Zum Zeitpunkt der Eröffnung war sie mit 3 Km die längste städtische Seilbahn Frankreichs und ist bis heute eine der wenigen urbanen Dreiseilumlaufbahnen in Europa. Das macht sie sehr stabil und die Kabinen gehen anderswo als Wohnungen durch. Die Strecke verbindet drei bedeutende Verkehrs- und Beschäftigungsknotenpunkte: Das Krebsforschungszentrum Oncopole, das hochgelegene Krankenhaus Hôpital Rangueil sowie die Universität Paul Sabatier. Die Seilbahn benötigt für die gesamte Strecke lediglich 10 Minuten, während es mit Auto oder Bus zu Stoßzeiten oft weit über 30 Minuten sind. 

Ein Teil der Rückfahrt. Bewegtbilder vermitteln nur wenige Prozent der Schönheit des Originals. Gerade die Größe der Kabine und die damit mögliche Bewegungsfreiheit sind toll. 
Montag, 06. April 2026
Toulouse – Paris

Mit frisch erlebtem und etwas mehr Reisegepäck steige ich am Abend des Ostermontags in den Nachtzug nach Paris. Das Wagenmaterial ist nicht neu, aber solide. Nachdem ich vom letzten Wagen noch lange nach hinten Toulouse und den Gleisen gewunken habe, geselle ich mich als Letzter ins kuschelige Sechserabteil. Die goldene Mitte ist meine Koje für diese Nacht. 

Dienstag, 07. April 2026
Paris – Rotterdam

Gegen 06:30 Uhr greife ich in die Netztasche neben mir, um nachzusehen, wo sich der Nachtzug, in dem ich mich befinde, befindet. Paris ist auf der Karte in Sichtweite. Freue mich schon jetzt, dass ich später Paris erneut von oben betrachten darf, überlege mir aber erstmal, wie ich mich im mittleren Bett des 6er Abteils drehen und wenden soll, um mich anzuziehen. Ich habe geschlafen, weder gut noch schlecht — wer sich im französischen Nachtzug den Aufpreis für ein Viererabteil gönnen möchte, tätigt keine schlechte Investition. Für meinen Reisekomfort und den Weg als Ziel taugt auch dieser alte Liegewagen.

Nachdem ich als Letzter das Abteil verlassen habe, mache ich mich auf zur Metro. Der Zeitplan ist straff, denn Paris ist nur ein Zwischenstopp. Mit den Metrolinien 5 und 8 fahre ich zur Station Créteil – Pointe du Lac. Hier startet, endet — kreisläuft die Câble C1. Die erste urbane Seilbahn im Großraum Paris (Île-de-France). Sie wurde Ende 2025 offiziell eröffnet und ist mit einer Gesamtlänge von 4,5 Kilometern die bis dato längste urbane Seilbahn Europas. Sie verbindet die Endstation der Pariser Métrolinie 8 in Créteil mit der Station Villa Nova. Das primäre Ziel des Projekts ist es, historisch isolierte Vororte an das bestehende Metronetz anzubinden. Da die Region von TGV-Bahntrassen, Güterbahnhöfen und viel befahrenen Straßen durchschnitten wird, stellt die Seilbahn eine deutlich günstigere, schnellere und umweltschonendere Alternative zum aufwendigen Brücken- oder Tunnelbau dar. 105 Kabinen können bis zu 1.600 Personen pro Stunde und Richtung befördern. Alle fünf Stationen sowie die Gondeln sind komplett barrierefrei gestaltet und die Doppelmayr-Seilbahn ist vollständig in den regulären ÖPNV-Tarif integriert. In rund 18 Minuten schwebe ich über alles hinweg. Angekommen entscheide ich mich gegen meinen Plan auf anderem Wege zurück zu fahren und steige erneut in die Gondel. Es gibt so viel von Oben zu entdecken. Miniaturwunderland Paris.

Einen Zwischenstopp in der wunderbaren Bäckerei Land & Monkeys später durchforste ich noch einen Supermarkt nach Mitbringseln (vornehmlich für mich) und schwinge mich dann auf ein Fahrrad zum Gare du Nord.

Mit dem Eurostar geht es in Windeseile weiter nach Brüssel. Dort nur ein kurzer Aufenthalt, genug, um belgische Schokolade zu kaufen, dann weiter mit einem InterCity und schon steige ich in Rotterdam Central aus. Hier begrüßen mich Cousine A. und ihre Tochter L. — letztere reist wie ich gern entspannt und lässt sich von uns sogar bis nach Hause zu C. schieben, da kann ich mir noch etwas abgucken. Sogar Mate haben sie im Gepäck. 

Wir spazieren später an typischer Kulisse vorbei und ich erwerbe weitere Mitbringsel, diesmal nicht für mich, aus einer Gewürzmühle.

Mittwoch, 08. April 2026
Rotterdam — Dresdner Dampfloktreffen

Der Vorteil des Nachtzugs ist mehr Zeit vor Ort. Die nutze ich für einen ausgedehnten Spaziergang mit A. & L. durch Rotterdam. Sogar Wassertaxi fahren wir, ein großer Spaß. Ich war bereits vor zwei Jahren einmal dort, allerdings ähnlich kurz. Dafür damals auf dem Pfannkuchenboot. Der nächste Aufenthalt hier muss länger sein, allein zur Erkundung der Supermärkte. In zwei schaffe ich es aber am Nachmittag noch und koche vor Abschied zum Bahnhof noch einmal für meine lieben Gastgeberinnen. 

Am Bahnhof widerstehe ich der Versuchung des Automaten-Fast-Foods und besteige den letzten Nachtzug dieser Reise. Das Dreierabteil im Zug, der von Brüssel nach Prag fährt, teile ich mir mit einem Ehepaar aus Belgien die auf dem Weg zu einer Wanderung in Sachsen sind. Wir plaudern noch angenehm, bis ich mich auf die oberste Liege schwinge und ins Land der flachen Zugdächer entschwinde. 

Donnerstag, 09. April 2026

Kurz nach halb neun erreicht der European-Sleeper Dresden. Zwei Stunden später stehe ich auf dem Gelände des Eisenbahnmuseums Dresden und mache eine Dampflok von 1902 fein für ihren Auftritt am Wochenende. Mit Lappen und Öl kommt der schwarze Glanz wieder vollends zur Geltung. Es wuseln bereits heute viele des ehrenamtlich tätigen Vereins zwischen den Gleisen und durch den Lokschuppen. Am nächsten Tag begleite ich einen der zahlreichen Sonderzüge und sammle im Zug Spenden für den Verein und den Erhalt der vielen rollenden Schmuckstücke. Der IG Bw Dresden Altstadt e.V. nennt leider (noch) keine Dampflok sein Eigen, es reisen aber zuverlässig aus allen Himmelsrichtungen zum Dampfloktreffen um die zehn Schwergewichte an. Auch außerhalb der Sonderzüge trage ich meinen Teil bei und sammle bei allen Zaungästen Spenden für den Erhalt des Traditionszuges. Am erfolgreichsten ist die Taktik, den Menschen auf der Brücke etwas vorzusingen und erst zu stoppen, wenn es in der Kasse klimpert. Ist das Erpressung? Womöglich, aber ich singe gar nicht so schlecht, wie es sich hier womöglich liest. Auch außerhalb des Dampfloktreffens ist ein Sonderzug, ob mit Dampf oder ohne, immer eine tolle Erfahrung. 

Montag, 12. April 2026
Dresden – Berlin

Geschafft von der Reise und dem grandios dampfenden Abschluss fahre ich mit Umstieg in Elsterwerda zurück nach Berlin. Wieder gilt: Das Konto im Minus, Erlebnis im Plus. Alles richtig gemacht.

Reise auf TrainLog
Berlin–Marseille—Toulouse—Rotterdam—Dresden

Himmel, was muss das alles kosten? Bei dieser Reise habe ich während der Buchung mal protokolliert:

Was

Interrailticket

Reservierung TGV Karlsruhe–Marseille

Marseille–Toulouse

Reservierung Toulouse–Paris

Paris–Rotterdam

Rotterdam–Dresden

Wieviel

226€

19€ via DB


55€

27€

29€

99€

Wofür

4 Reisetage innerhalb eines Monats


Notwendig im TGV


Kein Interrailreisetag

Nachtzug 6er Abteil

Eurostar

Nachtzug Schlafwagen Upgrade

Das ergibt eine Fahrtkostensumme von 455 €. Zwei Nächte habe ich auf Schienen verbracht, alle weiteren bei netten Menschen.

By