Bella Berlin Italia

Donnerstag, 18. Juni 2026
Berlin – München

Die S15 ist eingeweiht. Die kurze S-Bahn verbindet den Bahnhof Gesundbrunnen mit dem Hauptbahnhof und muss natürlich von mir getestet werden. Also auf und ab dafür. Wenn schon vor der Haustür treten, warum nicht gleich weiter? Die Abreise beginnt etwas verzögert, der Zug mit dem benötigten Personal ist zu spät. Zumindest der Lokführer ist bereits an Bord. 

»Grund für die Verspätung waren wir – das Zugpersonal«

Also steige ich gegen 23:30 Uhr in einen Nachtzug der Deutschen Bahn, auch ICE genannt, und lasse mich fürstlich umkomfortabel wie ein Tier in greller LED-Beleuchtung über dunkle Trassen der Bundesrepublik fahren. Es wäre auch wirklich zu schön, ein bis zwei Augen zu schließen.

Freitag, 19. Juni 2026
München – Verona

Ich habe nicht wirklich geschlafen, fühle mich aber, als hätte ich nicht geschlafen. Der Umstieg von ICE zu RailJet mit acht-Minuten-Zeitfenstern in München gelingt reibungslos, nur ist der bereitgestellte ein Ersatzzug und die Sitzplatzreservierungen gelten nicht. Von München geht es über Kufstein nach Innsbruck. Nach dem Wechsel in den dort korrekt zusammengestellten Zug genieße ich die grandiose Aussicht. Um kurz nach zehn erreichen wir den Brenner. In der Anfahrt auf den Bahnhof rollen wir kurz neben der Autobahn mit PKW und LKW um die Wette. Am Bahnhof werden die Verbrenner zu rauchenden Menschen: Acht Minuten Aufenthalt am Bahnsteig müssen genutzt werden. Vor allem die laute Reisegruppe im vorderem Teil des Wagens zieht noch einmal durch. Die ÖBB kommentiert mit „Dein Zug blockiert den Zug“ und weiteren Sprüchen: 

Parallel eine Patrouille des italienischen Grenzschutzes. Stichprobenkontrolle. Wir rollen schnell und mit nur zwei Minuten Verzögerung weiter. Vorbei an malerischer Landschaft verschwinden wir teils in Tunneln, gleiten unter Brücken hinweg und sind umringt von Wald und Wiese. Die Aussicht auf teils kaum in ganzer Pracht ersichtliche Bergwände lässt alles drumherum winzig wirken. Doch auch im Kleinen spielt sich Leben ab: Kühe werden getrieben, Häuser gebaut, Landwirtschaft auf den wenigen geraden Flächen und Bahnarbeiter sichern die Gleise gegen die drohende Übernahme von Vegetation.

So gerne ich den Speisewagen besuchen würde, die Vorfreude auf italienisches Essen ist größer und ich schnabuliere im Zug nur einen Rest von Mamas Geburtstagskuchen, Tirolerkuchen, um genau zu sein. Wie passend.
Nach Ankunft in Verona Porta Nuova suche ich mein Hostelzimmer auf und entfliehe der Mittagshitze mit einem ausgedehnten Mittagsschlaf.  

Am Abend sitze ich nach einem langen Spaziergang durch Verona in der Pizzeria Regnum und genieße meine Marinara. Im dritten Italienaufenthalt innerhalb von zwölf Monaten setze ich nach Ankunft entweder Spaghetti Vongole oder eine Marinara auf die Speiseordnung. Während ich das zweite Bier genieße, beobachte ich eine klassische, italienische Mama, die vor dem Restaurant auf ihre bestellte Pizza zum Mitnehmen wartet und dabei, wie eine moderne, italienische Mama, in ihr Smartphone schaut. Ich sehe nicht, was sie sieht, höre aber abwechselnd Musik, Stimmen, Gelächter und zwischenzeitlich auch Schusswechsel aus dem Lautsprecher — ein typischer Social-Media-Feed eben. Nach einigen Minuten bekommt sie eine Pizza und Bier überreicht, worüber sie sich anscheinend sehr freut. Ich verstehe nichts vom Wortwechsel, nehme jedoch die Herzlichkeit wahr. In den Gesichtszügen der Bedienung sehe ich mehr Regung als in einer Stunde an den mit Touristen gefüllten Tischen.

Samstag, 20. Juni 2026
Verona – Torino — Cuneo — Acceglio — Locanda di Chialvetta

Mit leichtem Kopfschmerz erwache ich aus tiefem, traumlosen Schlaf. Mit mir liegen drei andere Menschen im 4-Bett-Hostelzimmer des StraVagante. Während ich mich und meine zwei Rucksäcke packe, lasse ich den gestrigen Abend Revue passieren. Nach einem weiteren Verdauungsspaziergang mit Umweg zum Hostel entdeckte ich dort einen schönen Garten mit Barbetrieb. Eine Schande, diese Möglichkeit vergehen zu lassen. Während andere zahlten, um zu gehen, bestellte ich, um zu bleiben. Drei Kaltgetränke später war ich der letzte Gast. Das Räumen des Barmanns um mich herum deutete ich als Zeichen, mich zu verkrümeln. 

Am Bahnhof angekommen habe ich noch über eine halbe Stunde Zeit, bis der rote Pfeil abfährt. Willkommen also zu meinem Selbstexperiment, wie viel Kaffee verträgt ein ungeübter Körper am Morgen. Um ein wenig Kohlenhydrate beizusteuern, hat das Café am Bahnhof ein veganes Croissant im Angebot, ich verzehre es zwischen einem doppelten Espresso und einem Hafer-Capuccino. Der von Trieste kommende Zug erreicht Verona etwas verspätet. Kein Problem, an Bahnsteig 6 gibt es genug zu sehen und ich komme mit einem netten Mann ins Gespräch. »Germany, you have great Metal-Festivals«. Ja, die haben wir, ihr habt den besseren Kaffee. Was davon Ohr oder Magen mehr vertragen kann, ist eine Frage für später, denn der Espressoautomat am Bahnsteig wird gerade gefüllt und gewartet. Später im Zug wird ein weiterer notwendig werden. Meine These: Selbst im Zug ist der Espresso besser und günstiger als die meisten in Deutschland. Wo wir schon bei Unterschieden sind: Im Frecciarossa (vgl.: ICE) gibt es USB-C Power Delivery an jedem Platz und stabiles Wifi. Freuen wir uns darauf, dass Trenitalia ab Dezember 2026 die Strecke München – Mailand / Rom aufnimmt und Berlin – Mailand / Neapel für irgendwann in den nächsten 25 Jahren geplant ist.

Die Deutschen Katastrophenwarnapps kündigen „eine extreme Wärmebelastung“ an. Was kümmert es mich, die Klimaanlage im Zug funktioniert und mit etwas Verspätung, aber ohne Gefährdung meines Umstiegs, erreicht der rote Pfeil Turin. Ein paar Gleise weiter weicht der Komfort des Schnellzugs zur zweiten Klasse Regionalzug. 

Mein Weg auf Gleisen führt bis Cuneo. Die Wartezeit auf den Bus fülle ich mit Supermarkt und Warten. Ich warte länger als erwartet. Der anvisierte Bus kommt nicht, auch das Büro im Bahnhof kann nicht helfen – sie machen nur Züge. Nächste Option 13:45 Uhr. Also weiter warten. Erneut umsonst. Viele Busse, aber keiner der mir hilft, in Richtung meines Ziels Acceglio zu kommen. Ich greife zum Telefon und rufe die rettende Bergwanderführerin A. an, denn ich weiß, dass ein Teil der Gruppe, zu der ich mich für die Woche gesellte, um 15:00 Uhr mit dem Shuttle geholt wird. Im Sherpabus ist glücklicherweise noch Platz und somit tue ich noch eine knappe Stunde weiter, worin ich mich bereits geübt habe: Warten.

Nach einer guten Stunde Busfahrt über enge Straßen, durch kleine Dörfer und durch immer grüner und höher werdende Berge kommen wir auf der Locanda di Chialvetta an. Es ist traumhaft und erstmal überwältigend. 

Was nun? Wandern! Doch davon berichte ich erst, wenn ich es auch getan habe. Bis dahin eine gute Fahrt liebe Daheimgebliebenen und allzeit einen guten Anschluss!